Logo
  





Gefördert von der
Sparkasse
Sparkasse
Zollernalb
letzte Änderung
08.12.2018


  
Engstlatt - ein Blick in die Geschichte

Der Name des Ortes tritt im 11. Jahrhundert erstmals als „Ingislat" und 1237 als „Engeslat" urkundlich auf. Den Namen „Engstlatt" deuten die Geschichtsforscher als vom Namen „Ingi" abgeleitet, einem früheren Besitzer oder Herr, während „slat" auf ein sumpfiges Gelände hinzuweisen scheint. Wann der Ort gegründet worden ist, steht nicht genau fest. Man nimmt aber an, dass die Besiedlung von Bisingen und Steinhofen her erfolgte. Dies dürfte kurz vor der Jahrtausendwende - möglicherweise aber auch schon 2 bis 3 Jahrhunderte früher - gewesen sein.

Zunächst gehörte das Dorf zur Grafschaft Zollern und kam 1288 an die Linie Zollern - Schalksburg. Mit der Verkaufsurkunde der Schalksburgherrschaft vom 3. November 1403 ging der Ort „Engschlatt" an Württemberg. Mit dem Übergang an Württemberg setzte eine bemerkenswerte Entwicklung im Dorf ein. Erst im 30jährigen Krieg wurde dieses Wachstum gebremst, die Zahl der Häuser ging um ein Drittel zurück. Die Folgen des 30jährigen Krieges wurden nur langsam überwunden. Erst zum Beginn des 18. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl wieder auf den Vorkriegsstand. Aber die Armut hielt an, die wirtschaftlichen Verhältnisse waren miserabel. Dies hat wohl viele Engstlatter damals veranlasst, nach Siebenbürgen, aber auch nach Amerika auszuwandern.

Infolge seiner verkehrsgünstigen Lage wurde der Ort immer wieder von kriegerischen Ereignissen betroffen. So standen 1704 preußische Truppen bei Engstlatt, 1797 wird von Ausschreitungen der Franzosen berichtet und am 20. April 1945 rückten französische Truppen in den Ort ein.

Die Bevölkerung Engstlatts hat sich in den letzten 400 Jahren wie folgt entwickelt:

1603
280 Einwohner
1767
504 Einwohner
1871
848 Einwohner
1939
1.093 Einwohner
1973
1.616 Einwohner
1989
1.578 Einwohner
1997
1.816 Einwohner
2003
1.937 Einwohner

Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde

Obwohl die Entwicklung der Engstlatter Gemarkung zum Beginn des letzten Jahrhunderts abgeschlossen war, die Größe betrug damals wie heute rund 740 ha, waren die Erträge des Bodens für eine landwirtschaftliche Nutzung zu gering, um Wohlstand aufkommen zu lassen. Negativ wirkte sich neben den kargen Böden auch die zwar reizvolle aber für eine landwirtschaftliche Bearbeitung ungünstige Geländebeschaffenheit aus. Durch verschiedene Bäche, Gräben und Rinnen getrennt, heben sich die einzelnen Geländeteile scharf gegeneinander ab. Die Unruhe dieser Landschaftsformen trug dazu bei, den Bauern ihre Arbeit wesentlich zu erschweren.

Dadurch wurden die Engstlatter schon früh gezwungen, sich nach anderen Existenzmöglichkeiten umzusehen. Neben der Landwirtschaft entwickelte sich bereits das Handwerk. Schon 1732 gab es 4 Schneider, 3 Bäcker, Schmiede und Zimmerleute, Schuhmacher, Wagner und Leineweber. 1744 nahm ein Salpetersieder seine Tätigkeit auf. 1786 begann ein Schmied mit der Baumwollspinnerei. Im 19. Jahrhundert siedelte sich die erste Weberei, eine Zigarrenfabrik und mehrere Brauereien an. Die moderne Industriezeit begann auch für Engstlatt. Einigen Anteil daran hatte die günstige Anbindung des Dorfes an den regionalen und sogar internationalen Verkehr durch die heutige Bundesstraße 27, damals zunächst Reichsstraße und später Schweizer Straße genannt, welche schon 1747 gebaut wurde. Die Bundesstraße 27 ist zwischenzeitlich ausgebaut. Die vierspurige B 27 wurde am 14. Dezember 1995 vom baden-württembergischen Verkehrsminister Hermann Schaufler für den Verkehr freigegeben.

Erst mit dem Bau der Eisenbahn hat das rege Verkehrsaufkommen durch Engstlatt hindurch abgenommen. Mit der Errichtung des Bahnhofes und dessen Inbetriebnahme im Jahre 1874 war ein neuer Anschluss für das Dorf an die große weite Welt geschaffen. Leider ist der Bahnhof seit Sommer 1977 nicht mehr besetzt und der Haltepunkt wurde im Mai 1983 völlig aufgehoben. Seit Juli 1997 ist Engstlatt jedoch wieder an die Bahnlinie Tübingen - Sigmaringen angeschlossen. Ein neuer Bahnsteig wurde gebaut und heute halten wieder täglich 36 Züge in Engstlatt - ein deutlich verbessertes Nahverkehrsangebot!

In den Städten begann die Industrialisierung und auch in Engstlatt entwickelten sich die Handwerksbetriebe zu kleinen Fabriken. Im nahen Balingen fanden die ersten Industriearbeiter Lohn und Brot. Um die Jahrhundertwende wer es dann auch in Engstlatt soweit. Eine erste Schuhfabrik entstand 1901. Schon 1898 war aus einem kleinen Handwerksbetrieb ein Säge- und Hobelwerk hervorgegangen, aus einer Schreinerei eine Möbelfabrik und auch die Textilindustrie fasste im Ort Fuß. Im Laufe von Jahrzehnten ist der aufstrebenden Landgemeinde Engstlatt der Anschluss an die industrielle Entwicklung gelungen.

Die Entwicklung Engstlatts nach dem 2. Weltkrieg hat den Ort weiter gebracht als die rund 900 Jahre Dorfgeschichte zuvor. Der Ort ist längst über seine ursprünglichen Grenzen hinausgewachsen. Verschiedene Neubaugebiete wurden erschlossen und jenseits der Bundesstraße entstanden die Gewerbegebiete „Lehenmorgen" und „Grund".
Heute ist Engstlatt ein moderner Wohnort mit vielfältigen Freizeitmöglichkeiten. Lohnenswert ist vor allem für junge Familien der Alpen- und Seerosengarten. Ebenso gibt es in Engstlatt ein beheiztes Freibad, das in den vergangenen Jahren modernisiert wurde. Auch kann sich Engstlatt glücklich schätzen, dass die Nahversorgung durch Lebensmittelgeschäfte, Bäcker, Metzger, Banken, Arzt usw. gesichert ist.

engstlatt1906
Engstlatt im Jahre 1906 - die Hauptstraße (jetzt Hechinger Straße)

rathaus
Engstlatter Rathaus mit der St. Peterskirche im Hintergrund

Die St. Peterskirche - ein Schmuckstück des Ortes

Eine malerische Gruppe bilden in Engstlatt die St. Peterskirche und das Pfarrhaus mit seinem schönen und reichen Fachwerkschmuck. Die Pfarrkirche auf dem Kirchhügel, der ihr mit seiner ringsum ziehenden stattlichen Mauer des einstigen Friedhofs einen wehrhaften Charakter verleiht, gleicht einer Wächterin über dem Dorf. Das Alter der Kirche ist unbekannt. Aufzeichnungen gibt es nicht, nirgends am Bau befindet sich eine Jahreszahl, die Aufschluss geben würde. Zwei Gründe aber veranlassen die Historiker, den Bau der Kirche in die Zeit kurz nach der Jahrtausendwende zu datieren: Einmal wird angenommen, dass zu jener Zeit Engstlatt von Steinhofen aus besiedelt worden ist. Das zweite Argument: Schon 1275 ist in Engstlatt eine selbstständige Pfarrei beurkundet, die Kirche müsste also schon einige Zeit vorher bestanden haben.

stpeterskircheEin ganz besonders wertvolles kulturhistorisch auch bedeutsames Kleinod beherbergt die Kirche seit 1471. Es ist ein spätgotisches Wandgemälde von eindringlicher Schönheit, die Kreuzigung Christis darstellend. Das Gemälde wurde 1893 aufgedeckt und nach dem 2. Weltkrieg kunstvoll restauriert.

Auch das mächtige unmittelbar vor der Befestigungsmauer liegende Pfarrhaus, mit seinem Fachwerk eines der schönsten Gebäude im Ort, war früher eine beliebte Begegnungsstätte. Das 1707 erstellte Bauwerk, das unter Denkmalschutz steht, wurde vor einigen Jahren gründlich renoviert.

Die Reformation wurde 1534 von Amts wegen eingeführt und die Pfarrei dem Dekanat Balingen unterstellt. Ein großer Teil der Veranstaltungen der evangelischen Kirchengemeinde und die Proben der Chöre werden seit 1966 im neuen Gemeindehaus am Fuße des Kirchberges durchgeführt.

Die Engstlatter Katholiken gehören seit 1904 zur Heilig-Geist-Kirchengemeinde Balingen. Anfangs der 60er Jahre zählte die katholische Gemeinschaft immerhin etwa 300 Seelen. Dabei wurde auch der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus wach, der 1966 mit der Weihe der „St. Johannes-Kirche" in Erfüllung ging.

Das renovierte evangelische Gemeindehaus

Das evangelische Gemeindehaus in der „Unteren Bachstraße" wurde in den Jahren 1998 und 1999 grundlegend renoviert. Die Außenfassade und auch die einzelnen Räume des Hauses wurden auf den neuesten Stand der Technik gebracht.

Im Sinne der Nutzung von alternativen Energien wurde auf dem Dach des Gemeindehauses eine Photovoltaikanlage mit 45 Solar-Modulen installiert, die einen Großteil des Energiebedarfs für das Haus abdeckt.

Der Saal des Gemeindehauses wird auch für das Jugendwertungsspiel 2003 genutzt. Der Musikverein bedankt sich für dieses Entgegenkommen ganz herzlich bei der ev. Kirchengemeinde!

gemeindehaus
Das renovierte evangelische Gemeindehaus

Die Geschichte der Engstlatter Schule

Nachweislich wurde schon 1653 in Engstlatt eine Schule errichtet. 1757 wurde das erste Schulhaus gebaut. Vielen Engstlattern sind aber die 1830 erbaute Bismarck-Schule und die 1874 erstellte Zeppelin-Schule noch gut in Erinnerung. Die Bismarck-Schule wurde vor 25 Jahren abgebrochen.

schuleAn dieser Stelle - zwischen der St. Peterskirche und dem renovierten Rathaus - wurde im Rahmen der integralen Dorfentwicklung ein schöner Dorfplatz angelegt. Bereits Mitte der 70er Jahre wurde an die frühere Zeppelin-Schule ein Feuerwehrgerätehaus angebaut. Im ehemaligen Schulgebäude wurden Vereinsräume eingerichtet. Dort hat auch der Musikverein seit vielen Jahren sein Probelokal.

Stolz ist man in Engstlatt noch heute auf das mit einem Aufwand von 2,2 Millionen Mark erstellte Schulzentrum in „Langwiesen". Die 1966 eingeweihte Langwiesenschule war im Kreis Balingen die erste Hauptschule, die als Nachbarschaftsschule mit Endingen und Erzingen funktionsfähig zustande gekommen war. Trotz vieler Reformen im Schulbereich hat sich hieran bis heute nichts geändert.

Mit dem Schulhausbau wurde auch eine Turn- und Festhalle gebaut. Eine „Verpflichtung" aus dem Eingliederungsvertrag hat die Stadt Balingen 1988 erfüllt: Die Turn- und Festhalle wurde großzügig durch einen Bühnenanbau und die Einrichtung einer Küche erweitert.

Geburtenstarke Jahrgänge haben in den vergangenen Jahren in der Schule zu einer Raumnot geführt. Die Verbesserung der Raumsituation ist eine vordringliche Aufgabe. Aufgrund der allgemeinen Finanzsituation konnte bisher der geplante Anbau nicht realisiert werden.

langwiesenschule
Die Langwiesenschule Engstlatt

Dorfentwicklung in Engstlatt

Engstlatt hatte schon immer ein malerisches Dorfbild. In den letzten 30 Jahren ist aber vieles erneuert und verbessert worden.

Die integrale Dorfentwicklung hinterließ in Engstlatt deutliche Spuren. Rund 2,5 Millionen DM sind von 1978 bis 1985 in Engstlatt in die Dorferneuerung investiert worden. Öffentliche Maßnahmen waren:

  • Anlage eines Dorfplatzes mit Springbrunnen, Ruhezone und viel Grün zwischen Rathaus und Kirche nach Abbruch der alten Bismarck-Schule
  • Umbau und Sanierung des Rathauses
  • Ausbau der Caspar-Nagel-Straße mit Hofraumgestaltung
  • Talbachsanierung
  • Bau eines Kinderspielplatzes
  • Neubau einer Bushaltestelle mit Platzgestaltung

Besonders hervorgehoben werden muss aber auch die Bereitschaft der Engstlatter Bürger, zur Verschönerung des Ortsbildes beizutragen. So ließen die Eigentümer von 53 Gebäuden in der Zeit von 1978 bis 1985 ihre Häuser - auch mit Zuschüssen von Stadt und Land - renovieren. Dabei wurde den teilweise sehr stattlichen Häusern durch die Freilegung von Holzfachwerk und Neugestaltung von Außenfassaden zu einem noch attraktiveren Aussehen verholfen.

Nicht unerwähnt bleiben darf die gelungene Renovierung des markanten Pfarrhauses, die von der evangelischen Kirchengemeinde vorgenommen wurde.

Landesweite Anerkennung ist der Dank für die umfangreiche Dorferneuerung. Immer wieder kommen auswärtige Besucher, Delegationen von Kommunen nach Engstlatt, um sich von der Schönheit des Ortes zu überzeugen und Anregungen für Maßnahmen der Dorferneuerung in ihren Gemeinden mitzunehmen .

Eine besondere Auszeichnung hat Engstlatt beim Kreiswettbewerb 1986 „Unser Dorf soll schöner werden" erfahren. Von der Bewertungskommission des Zollernalbkreises wurde Engstlatt in der Gruppe drei - Ortschaften mit mehr als 1.000 Einwohner - ein „Erster Preis" zugesprochen.

landgasthof-schwanen
Landgasthof Schwanen
haus-der-fam-merz
Haus der Fam. Merz

neubaugebiet-bol
Das Neubaugebiet Bol, in der Bildmitte der Dorfkern

engstlatt
Blick vom Netzenberg auf Engstlatt

Engstlatt - ein Stadtteil von Balingen

Am 1. Oktober 1973 endete die Selbständigkeit der Gemeinde Engstlatt. Der Ort wurde Stadtteil von Balingen und dadurch wurde Balingen ab 1. Januar 1974 „Große Kreisstadt". Fast bis zur letzten Minute hatten sich die Gemeindeverwaltung, mit dem damaligen Bürgermeister Heinrich Vogel, und die Bürger gegen den Anschluss gewehrt. Noch 1972 hatten sich bei einer Bürgeranhörung mehr als 84 Prozent der Wahlberechtigten gegen die Eingliederung ausgesprochen. Allerdings vergebens, denn die Staatsallmacht setzte sich darüber hinweg. Kleine Gemeinden, die sich nicht „freiwillig zwangseingliedern" lassen wollten, wurden durch Gesetz zur Aufgabe ihrer Eigenständigkeit gezwungen; bei freiwilligen Zusammenlegungen gab es Prämien!

Und weil man doch machtlos war, auf die Prämien aber nicht verzichten wollte, sprang man eben in Engstlatt in buchstäblich letzter Minute noch auf den „Gemeindereformzug". Mit der Stadt Balingen wurden Verhandlungen aufgenommen und eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen. Die Stadt Balingen hat ihre Verpflichtungen aus dieser Vereinbarung sehr ernst genommen und so hat sich die „Zwangsehe" mit Balingen auch vorteilhaft für Engstlatt ausgewirkt. Alfred Jenter, Mitglied des Gemeinderates in Engstlatt und später in Balingen sowie von 1980 bis 1989 ehrenamtlicher Ortsvorsteher Engstlatts, hat deshalb vor einigen Jahren treffend festgestellt: „Die Zeit seit dem Zusammenschluss war immer geprägt von dem beiderseitigen Bemühen um eine faire und offene Verständigung zwischen Gemeinderat, Stadtverwaltung und Ortschaftsrat."